Von der AG Kiezentwicklung zu Projekt Friedrichshain

Für Bürgerbeteiligung und nachhaltige Stadtentwicklung

1999 haben nach Jahren der ehrenamtlichen Arbeit in den Bereichen Sozial-, Miet- und Wohnumfeldberatung, Jugendhilfe, Entwicklungszusammenarbeit, Entwicklung der Infrastruktur und diversen Kulturprojekten, alle Beteiligten beschlossen, noch näher aneinanderzurücken und die AG Kiezentwicklung zu gründen. Mit dabei auch Bewohner und Gewerbetreibende.

Wir feierten dies öffentlich am 14.07.99 im Rahmen des Kiezfestes "Initiativen stellen sich vor", selbstorganisiert mit fast 90 aktiven Projekten im Stadtteil.

Unsere Strukturen funktionierten. Es wurden sogar mehrere Firmen gegründet und Arbeitsplätze auf dem 1. Markt geschaffen, die es z. T. heute noch gibt. Stolz sind wir darauf, daß dies ohne jegliche Fördergelder erfolgte. Im Gegenteil, viele legten uns sogar Steine in den Weg, weil selbst organisierte Strukturen, auf die man keinen Zugriff hat, nicht erwünscht sind. Dies bestärkte uns nur noch und ließ uns den Mut nicht verlieren.

Es folgte eine Kundgebung am 19.09.99 gegen Steuerverschwendung und gegen das von Senator Strieder installierte Quartiersmanagement genau vor unserer Nase, in einem Gebiet in dem zu dieser Zeit über 60 Projekte aktiv waren und Bürgerbeteiligung nicht neu erfunden werden, sondern endlich zugelassen werden muß. Medien und Studenten stürzten sich geradezu auf uns, die wir eine Bastion gegen die "feindliche Übernahme" bildeten. In Fernsehfilmen, Reportagen, Nachrichten und bei anderen Gelegenheiten erfuhr die Öffentlichkeit von unserer Arbeit und anerkannte unsere Argumente.

Dies wurde auch deutlich bei einer weiteren Kundgebung am 03.09.00 zum Thema "Für bürgerbestimmte Kiezentwicklung", die trotz sauschlechten Wetters bis in den späten Abend sehr gut besucht war.

Wir stellen uns auf die Zukunft ein

Dies alles machte Mut. Während große Träger wie Kirchbauhof, die sich gerne und viel über Steuergelder subventionieren lassen, daran bastelten an die nächsten EU-Millionen zu kommen, wollen wir Bürgerbeteiligung attraktiver machen. Dazu gründeten wir am 18.01.00 Projekt Friedrichshain e. V. als Dachverband, um selbstverwaltete Strukturen im Bezirk zu fördern. Das hielt die Verwaltungen jedoch nicht davon ab uns weiter auszugrenzen, und das obwohl wir positive Resonanzen aus ganz Deutschland erhielten.

Das Verkehrskonzept z. B. belegte den 4. Platz bei einem von der Investitionsbank Berlin ausgeschriebenen Wettbewerb. Die ersten 20 Einbringer waren durchweg Profis! Vom Bezirk erwarteten wir lediglich Unterstützung in Planungsfragen - keinen Pfennig Geld - aber wir stießen auf taube Ohren.

Wir haben viel Arbeit, Zeit und Kraft investiert, sind dabei schlauer geworden und wissen jetzt, daß wir nicht die verqueren Deletanten sind, als die sie uns gerne hinstellen.

Mit der Bezirkszusammenlegung Friedrichshain-Kreuzberg hätte es endlich eine neue Chance für Bürgerbeteiligung geben können. Das Gegenteil war anfänglich der Fall. Unterstützung unserer Bemühungen wurde signalisiert, mehr aber nicht.

Um vielleicht auch einmal in den Genuß einer Förderung zu gelangen, haben wir uns auch mit Anträgen an die EU versucht. Alles wurde rechtzeitig beim Bezirksamt eingereicht. Zu unseren Anträgen gehören u. a.: Steinschlag TV, Mitmachzeitung, Kulturprojekte, ein kiezbezogenes Projekt der Jugendförderung, Sozialprojekte, das Modellvorhaben Strafe Zukunft, ein selbstverwalteter Projektehof, Eine-Welt-Zentrum, Bewohnerorientierte Stadtentwicklung, Geschäftsstelle für den Runden Tisch Verkehr und das Kommunale Fahrrad.

Die für den Bezirk zuständige Servicegesellschaft Zukunft im Zentrum sollte eigentlich die Geschicke bezüglich des Bezirklichen Beschäftigungsbündnisses leiten, ward jedoch bereits im April 2000 irgendwie in der Versenkung verschwunden. Und so weiter, und so weiter . . .
Viele Termine, viele Gespräche und immer wieder wurden wir übergangen. Aussagekräftiges Material für diese Ignoranz gegenüber einer großen Bewohnerzahl füllt mehr als drei Aktenordner.

Entstanden sind die Broschüre "Selbstorganisierte Strategien für Friedrichshain" und ein Projektereader, die sehr schnell vergriffen waren.

Unsere Arbeit wurde lange von Maaret Isensee, einer Geologiestudentin der Uni Potsdam begleitet. Heraus kam eine hervorragende Diplomarbeit, deren Ergebnis für alle überraschend war, wird eine solche Arbeit eher von einem Forschungsinsititut geleistet, denn von einer Einzelperson.
Haupstsächlich ging es um den Vergleich von Netzwerken. Dabei stellt sie die AG Kiezentwicklung dem Quartiersmanagement gegenüber. In Punkto Quartiersenwicklung haben wir besser abgeschnitten, auch wenn viele Schwachstellen herausgearbeitet wurden.
Die Diplomarbeit von Maaret als PDF

Das Ende?

Zuletzt traf sich die AG Kiezentwicklung/ Projekt Friedrichshain e. V. unregelmäßig zu Kiezstammtischen an unterschiedlichen Orten. Einiges brannte unter den Nägeln, Fristen drücken für Planungen, die unser gesamtes Wohngebiet nachhaltig verändern werden:

  • Bebauungs-/ Flächennutzungsplan der Anschutz-Halle (O2 World) und das fehlende hydrologische Gutachten
    (qualifizierte Einsprüche formulieren und fristgerecht einreichen)
  • Beplanung des Revaler Vierecks (Teilnutzung durch RAW Tempel eV)
  • Stadtumbau Ost
    (Veränderung des gesamten Gebietes auf einer Fläche von über 500 ha.)
  • Umbau der Simon-Dach-Straße . . .

Wegen völliger Arbeitsüberlastung und sich einschleichenden Frustes, weil sich Arbeitsaufwand und Erfolg schon lange nicht mehr rechnete, verließen immer mehr Menschen die AG. So schlief ein nie beendetes Projekt leider langsam ein und Projekt Friedrichshain kam eigentlich nie richtig zum Zug.

Das ehrenamtliche Engagement kann nicht unbegrenzt ausgeweitet werden. Insbesondere dann nicht, wenn es durch die gewählten Vertreter und die Verwaltung nicht aufgegriffen wird. Punktuelle Selbsthilfe reicht nicht aus, für die Gestaltung der Zukunft.

Zurück zu den Wurzeln

Wir haben viel gelernt, sind uns näher gekommen, haben neuen Projekten auf den Weg geholfen, doch sind letztendlich an Formalismus, Behördenignoranz und fehlenden demokratischen Strukturen gescheitert. Geistig und moralisch gewachsen, haben wir uns alle wieder mehr in unseren Projekten, Vereinen und Initiativen engagiert, aus denen wir heraus zusammengefunden haben und in den wir heute noch erfolgreich aktiv sind.

Denn nur, weil wir das Ziel, daß EU-Gelder und Steuergelder auch einmal im Sinne der Bevölkerung durch diese investiert werden, nicht erreicht haben, ist die ehrenamtliche oder prekäre Arbeit in den Projekten dennoch erfolgreich - auf vielen Gebieten.

Hier und da gab es schließlich doch noch späte Erfolge, auch wenn nach außen hin der Zusammenhang zu unseren Forderungen und Umsetzungsvorschlägen nicht mehr einfach so herstellbar ist. Ohne unser Engagement wären die Zebrastreifen in der Grünberger, die Verkehrsberuhigung in den Wohngebieten, die Vertragsgestaltung einiger Gewerbeprojekte nicht so, wie sie jetzt sind.
Und im Übrigen haben wir auch die Schlacht auf der Oberbaumbrücke erfunden, die über viele Jahre von Friedrichshain und Kreuzberg traditionell ausgetragen wurde.
Viele BürgerInnen wissen inzwischen auch, was Permakultur ist und vieles mehr.

Unsere Strukturen funktionieren nach wie vor, klein, prekär aber effektiv für die, die genau hinschauen. Nach wie vor liegt uns nicht daran mit jedem kleinen und großen Erfolg zu den Medien zu rennen, denn wir arbeiten nicht, um berühmt zu werden, sondern um den Alltag für uns und viele andere angenehmer und erträglicher und nachhaltiger zu gestalten.

Wir wissen nicht, was die Zukunft bringen wird, aber so lange es notwendig ist und so lange uns die Kraft nicht verläßt, werden wir weiter ein Rädchen im Getriebe sein und entweder bei Bedarf an der richtigen Stelle an der Kurbel drehen oder Sand rein werfen oder Öl darauf kippen.


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